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NIGEL KENNEDY in der Meistersingerhalle

Auslaufmodell Dirigent: In dieser Nacht in der vollbesetzten Nürnberger Meistersingerhalle ist auf der Bühne nur Platz für einen Helden. Und der heißt NIGEL KENNEDY.

NIGEL KENNEDY live in Nürnberg - 2. Juni 2008, Meistersingerhalle

Wen wundert’s, der Mann war schließlich der erste Rockstar der Klassik. Als der Rest des E-Musik-Genres auf Plakaten und Plattenhüllen noch kreuzbrav in die Kamera linste, hatte der Mann schon Ecken und Kanten und ein Händchen für die gekonnte Selbstinszenierung. Und die ist ungebrochen, wie das Gastspiel des 51-jährigen Briten in Nürnberg bewies …

Ein kleines Kabinettstückchen aus dem unerschöpflichen Fundus von JOHANN SEBASTIAN BACH als Aperitif – schon ist der Meister warm gespielt, es kann losgehen: Mit MOZARTS viertem Violinkonzert in D-Dur, ein Publikums-Fave, mit dem KENNEDY jahrzehntelang nichts anzufangen wusste. Und so klingt’s dann auch: Munter treibt der Brite das führungslose Polnische Kammerorchester vor sich her, fordert dem Klangkörper das Maximum an Improvisation und Kommunikation ab und legt den Schwerpunkt seiner Interpretation hörbar auf seine traumwandlerischen Solo-Kadenzen, in denen schon mal eine Brücke hin zum Wiener Walzer geschlagen wird. Die E-Geige, die er bei den Studioaufnahmen am Start hatte, hat er für seine Gastspielreise wohlweislich zu Hause gelassen – eine gute Entscheidung: Die Dinger hat bekanntlich der Teufel gemacht.

Nach der Pause dann das interessantere der beiden Hauptstücke. Im Schweinsgalopp geht es kopfüber in BEETHOVENS einziges Violinkonzert hinein, Dynamik und Geschwindigkeit bleiben Trumpf. KENNEDY brilliert hemmungslos und reißt die letzten Gräben ein, indem er sich bei den Orchesterpassagen ein ums andere mal in die Phalanx der Streicher einreiht und unbeeindruckt seinen eigenen Gegenpart mitfiedelt.

NIGEL KENNEDY - Beethoven, Mozart, Silver [CD-cover]

Auf das Pflichtprogramm folgt die Kür, und die ist bei KENNEDY vollends hemmungsloser Selbstdarstellung geschuldet. Ob er sich vom Veranstalter ein Bier reichen lässt, traditionell einen Fußball ins Auditorium kickt, schnell mal ein paar Autogramme gibt oder mittendrin von der Bühne springt und durch den Saal zieht – Party pur ist angesagt, immer mit Hang zur Länge.

Klassik-Puristen wird der gepflegte englische Arbeiterklasse-Charme verschrecken, aber die sind an diesem Abend ohnehin in der Minderzahl. Alte Hacke: Wenn du anders tickst oder anders aussiehst, musst du besser sein als der Rest – weil sie dich sonst bei lebendigem Leib verfrühstücken. KENNEDY kann sich den Paradiesvogel erlauben, so viel steht fest. Im Prinzip ist das hier aber eh längst ein verkapptes Rockkonzert, bei dem eben nur klassische Musik ertönt: BACH, BEETHOVEN, MOZART … und JIMI HENDRIX. „Purple Haze” in der Orchesterversion als zweite von drei Zugaben ist leider der deutliche Schwachpunkt des Abends: Die Adaption hat nichts mehr mit dem Original zu tun, die Polen sind hier als akustische Staffage vollends unterfordert.

Die Schau bei KENNEDY bleibt der Künstler selbst, der Rest ist mitunter ein arger musikalischer Gemischtwarenladen. Nichtsdestotrotz: Spannend ist das über zwei Stunden allemal.

Paps und ich haben uns hernach noch backstage geschlichen, wo der Meister im stilsicheren „Maul halten – Dankeschön!“-Shirt fleißig beim Bier vernichten ist, die Lampen schon ordentlich an hat und eine illustre Meute aus Groupies, Die Hards und Partypeople in seiner (erschreckend mickrigen) Umkleidekabine mit GEORGE CLINTON aus einem hoffnungslos übersteuerten Ghettoblaster beschallt. War ich bis dahin noch immer ein wenig skeptisch, ob der Typ nicht doch ein Fake ist, so ist das schon ziemlich Rock’n'Roll.

Wir hätten noch ein paar Fragen gehabt, aber die Lautstärke in der Mikrobe macht eine Kommunikation unmöglich. Was richtig nervt, sind diese glückseeligen mega-aufdringlichen Superfans, die man scheinbar szene-übergreifend von PUR bis METALLICA, von CHRIS DE BURGH bis BARBARA STREISAND, von TOKYO HOTEL bis NIGEL KENNEDY trifft. „Also ich höre nichts anderes als NIGEL – seine Musik macht mich glücklich!“ – „Fährst Du morgen auch nach Frankfurt?“ – „Die MUTTER kannst Du voll vergessen, die hat ja nur der KARAJAN groß gemacht …“

Statt von Mr. KENNEDY ein Bierchen zu schnorren flüchten wir ins nahegelegene LBP.

  
mood : rocked!
music : H. v. KARAJAN/ANNE-SOPHIE MUTTER - Beethoven Violinkonzert

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